Abstract

Kämpff-Jansen, Helga
Germany
R.590 | Wednesday, 18 July 2007, 12:20 - 12:50, Room MZH
Aspekte des Konzeptes ‘Ästhetische Forschung’ und Gedanken zum ‘missing link’ der Kunstpädagogik
Im Rahmen eines kunstpädagogischen Fachgesprächs saßen unlängst in einer Schule in NRW ReferendarInnen, Ausbildungsleiter und MentorInnen zusammen. Ein junger Lehrer stellte den anderen sein Unterrichtsvorhaben vor. „Es geht um kreatives Lernen“ sagt er „um selbstbestimmtes ästhetisches Handeln, um Wahrnehmungssensibilisierung, um ganzheitliche ästhetische Erfahrungen und darum, etwas von der Forderung ‘mit allen Sinnen lernen’ wahr zu machen.“ In der Unterrichtsstunde dann packt er ein australisches Regenrohr aus, geht durch die Reihen und hält den SchülerInnen das Klanginstrument ans Ohr. An die Tafel schreibt er das Thema der Stunde: ‘Dschungel’. Es folgt ein kurzes Gespräch darüber, was man sich unter einem Dschungel vorzustellen habe sowie einige Anmerkungen zu dem Regenrohr. Der genaue Arbeitsauftrag lautet dann: “Malt einen Dschungel. Vorne wachsen die kleinen Pflanzen, dahinter die grösseren und hinten die ganz grossen. In der Mitte steht ein wildes Tier. Ein Löwe.“ Und so malen die Kinder ein Bild mit einem Löwen in der Mitte und Pflanzen drum herum. DIN A 3 mit Wasserfarben. Im anschließenden Fachgespräch fanden fast alle den Einstieg mit dem Regenrohr richtig gut und das Thema ‘Dschungel’ auch. Nur vier von den 12 Anwesenden waren über das, was da gesagt und vorgeführt wurde ziemlich irritiert. Mit diesem Beispiel beschreibe ich eine Situation, die sich in den Schulen und Ausbildungsinstitutionen täglich findet. Ich zitiere sie hier nicht, um meine kritische Sicht der Thematik und der Art und Weise der unterrichtlichen Durchführung darzulegen – das habe ich an anderer Stelle oft genug getan. Mein Nachdenken an dieser Stelle gilt der Diskrepanz zwischen konkretem unterrichtlichen Handeln und dem Anspruch, den Zielvorstellungen und Begründungen mit denen das Handeln legitimiert wird. Es ist dies das immer wieder gegebene Phänomen, dass ein größeres Theoriegehäuse aufgebaut wird, oft mit wichtigen Argumentationen und dann kommt als Unterrichtsauftrag all das, was den theoretischen Fundierungen z.T. völlig entgegensteht. Das Entscheidende dabei ist: Die gegebene Differenz wird von den einzelnen oft überhaupt nicht bemerkt. Nicht bemerkt wurde z.B., dass gar kein Spielraum für selbst bestimmte Entscheidungen gegeben war, nicht bemerkt wurde, wie die Worthülse ‘Wahrnehmungsensibilisierung’ produktiv eingelöst werden sollte, nicht bemerkt wurde, dass der Anspruch ‘mit allen Sinnen lernen’ über den Einstieg’ ‘Regenrohr’ eine Farce war. (Überhaupt – die Sache mit den so genannten ‘ Einstiegen’ denen dann meist das immer Gleiche und bekannte folgt, wäre ein eigenes längeres Kapitel einer kritischen Sicht kunstpädagogischen Handelns heute). Doch zurück: Es gibt offensichtlich die Vorstellung, beim Bildermalen stelle sich alles von alleine ein – von der Kreativität bis zur Wahrnehmungssensibilisierung. Für das ungemein verbreitete Phänomen dieser Differenz zwischen theoretischen Fundierungen und praktischen Ausführungen möchte ich hier den Begriff des ‘missing link’ der Kunstpädagogik einführen. Dieses ‚missing link’ liesse sich auch als Leerstelle bezeichnen bzw. als nicht gegebene Anschlussfähigkeit der Fachpraxis an die fachdidaktische Theorie, bzw. der Fachtheorie an die unterrichtliche Praxis. Dieses ‘missing-link’ diese Leerstelle ist meines Erachtens das größte Problem des fachdidaktischen Diskurses heute.
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